Das Mikrobiom der Hundertjährigen

Das Geheimnis gesunder Hundertjähriger könnte in ihrem Darm liegen. Bestimmte Bakterien leben dort häufiger als bei jüngeren Menschen. Laut japanischen Forscherinnen und Forschern schützen diese die Hochbetagten besonders gut vor bestimmten Krankheiten.

© l9I9 Geborene / Danie Franco.unsplash.com
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1. August 2021, 19.46 Uhr
Im Erbgut verborgen
Nur wenige Menschen werden uralt und erreichen ein Alter von über 100 Jahren. Dabei sind sie oft noch fit und gesund, während andere bereits Jahrzehnte früher unter chronischen Krankheiten leiden. Was ist ihr Geheimnis? Sicher ist, dass man dieses Schicksal nicht ganz selbst in der Hand hat, auch wenn ein Lebensstil mit wenig Stress, einem glücklichen Sozialleben, gesunder Ernährung und viel Bewegung sicher hilfreich ist.
Ob man lang lebt, liegt aber auch am Erbgut. Wobei der genetische Einfluss womöglich viel geringer ist als gedacht. So kam eine Studie vor drei Jahren zum Schluss, dass die Lebensdauer zu weniger als zehn Prozent von den Genen vorbestimmt ist; nicht zu 20 bis 30 Prozent, was zuvor die gängige Lehrmeinung war. Andere beliebte Erklärungen wie etwa sogenannte Langlebigkeitsinseln – also Orte, wo besonders viele extrem alte Menschen leben, z. B. Sardinien oder Okinawa in Japan – sind in der Altersforschung eher umstritten.
Mikrobiom altert ebenfalls
Auf der Suche nach neuen Antworten für die großen Unterschiede bei der Lebenserwartung ist seit Kurzem auch das Mikrobiom in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Wie wichtig die zahllosen Bakterien im und am menschlichen Körper – z.B. im Darm, im Mund und auf der Haut – für die Krankheitsabwehr und die Gesundheit sind, wird zunehmend klar. Bei der Alterung könnten sie ebenfalls eine maßgebliche Rolle spielen.
Wie die Forscherinnen und Forscher um Yuko Sato von der japanischen Keio Universität in ihrer soeben in „Nature“ erschienenen Studie schreiben, hänge der Gesundheitszustand von älteren Menschen unter anderem von den Veränderungen bei den Darmbakterien ab. Der Stoffwechsel, die Knochengesundheit, die Immunabwehr sowie neurologische Funktionen werden dadurch beeinflusst.
Wie sehr sich die Besiedelung des Darms im Lauf des Lebens ändert, zeigt eine heuer im Fachmagazin „Nature Metabolism“ publizierte Studie. Dafür wurde das Mikrobiom von 9.000 Menschen zwischen 18 und 101 Jahren verglichen. Die Forscher haben unter anderem festgestellt, dass bei gesunden Menschen, die über 77 Jahre alt sind, zuvor häufige Bakterien weniger werden, seltene Arten werden hingegen mehr. Dadurch entstehen mehr entzündungshemmende Stoffwechselprodukte.
Häufung nützlicher Keime
Auf einen ähnlichen Zusammenhang ist nun die Gruppe um Yuko Sato gestoßen. Sie hat Stuhlproben von Japanern und Japanerinnen analysiert: 47 junge Personen (21 bis 55 Jahre), 112 ältere Menschen (85 bis 89 Jahre) und 160 Über-Hundertjährige, in Japan gibt es generell überdurchschnittlich viele sehr alte Personen.
Im Darm der Hundertjährigen waren manche Bakterienarten deutlich häufiger zu finden als bei den Jüngeren. Diese Mikroben sind an der Bildung sekundärer Gallensäuren im Darm beteiligt. Laut den Forschern sind die Säuren wiederum wichtig für diverse biologische Abläufe, etwa beim Stoffwechsel und der Immunabwehr. Experimente im Labor und mit Mäusen bestätigten die starke antimikrobielle Wirkung gegen weit verbreitete Pathogene, z. B. solchen, die Durchfall auslösen.
Die Häufung der nützlichen Bakterien könnte mit den Genen, aber auch mit dem Lebensstil oder der Ernährung zu tun haben, schreiben die Autoren. In Zukunft kann man die gesundheitsfördernden Effekte solcher Mikroben womöglich aber auch therapeutisch nützen.n Eva Text: Obermüller, science.ORF.at

© sdecoret.AdobeStock.com
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Weltvergleich der Lebenserwartung
Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich seit 1950 weltweit um über 20 Jahre erhöht. Österreicher werden heute statistisch 79,4 Jahre alt, Österreicherinnen 84. Und: Österreich gehört zu den Ländern mit dem meisten medizinischen Personal.
Im Vergleich zu 1950 ist die Lebenserwartung 2017 weltweit von 48,1 Jahren auf 70,5 Jahren bei Männern und von 52,9 auf 75,6 Jahren bei Frauen gestiegen. Österreich liegt mit 79,4 Jahren bzw. 84 Jahren im westeuropäischen Durchschnitt. Dieser liegt für Männer bei 79,5 Jahren und für Frauen bei 84,2 Jahren.


Studie („Global Burden of Disease“, The Lancet, 9.11.2018)
Weltweit schwankt die Lebenserwartung zwischen dem niedrigsten Wert bei den Männern in der Zentralafrikanischen Republik mit 49,1 Jahren und 87,6 Jahren bei den Frauen in Singapur als Spitzenreiterinnen. Dies geht aus der neuen „Global Burden of Disease“-Studie hervor, die in der Medizin-Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht worden ist. Der Trend muss sich allerdings nicht fortsetzen, heißt es in dem Bericht.
Gute Versorgung mit Ärzten und Ärztinnen
Laut der Studie gehört Österreich mit Andorra, Kuba, Island und elf anderen Ländern zu jenen Staaten der Welt mit den meisten Ärzten, Ärztinnen, Krankenpflegern und Hebammen im Vergleich zur Einwohnerzahl.
Auf dem letzten Platz liegt demnach das westafrikanische Land Benin. Einen Rückschluss auf die Qualität der medizinischen Versorgung lasse die Studie mit Daten aus dem Jahr 2017 nicht zu, betonen die Autoren. Dabei handle es sich um reine Statistik.
Sorgen bereitet den Wissenschaftlern, dass fast die Hälfte aller 195 untersuchten Länder mit einem Mangel an medizinischem Personal zu kämpfen hat. Hier standen im vergangenen Jahr weniger als zehn Ärzte und weniger als 30 Krankenschwestern und Hebammen pro 10.000 Einwohner zur Verfügung.
Fortschritte bei Kindersterblichkeit
Der größte medizinische Fortschritt wurde laut Studie zwischen 1950 und 2017 bei der Kindersterblichkeit (bis zum Alter von fünf Jahren) gemacht. Sie konnte von 216 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten auf 38,9 pro 1.000 weltweit gesenkt werden. Trotzdem starben 2017 noch immer 5,4 Millionen Kinder in dieser Altersgruppe.
Allerdings hat sich die insgesamt positive Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten laut den Autoren um Christopher Murray, Direktor des Institute for Health Metrics and Evaluation an der Universität von Washington (USA) in jüngster Vergangenheit verlangsamt und ist für die Zukunft nicht vorgegeben. „Konflikte und Terrorismus sind eine wachsende Bedrohung für die Weltgesundheit (die Zahl der damit verbundenen Opfer hat sich zwischen 2007 und 2017 um 118 Prozent erhöht), eine diese Ära definierende Epidemie an Opiatabhängigkeit (vor allem ein US-Problem; Anm.) mit vier Millionen mehr Betroffenen im Jahr 2017 und 110.000 Toten geht weiter“, schrieben die Wissenschaftler.
Vier Faktoren verursachen Hälfte aller Todesfälle
In dem Projekt analysieren Forscher bereits seit den Neunzigerjahren die wichtigsten Gesundheitsrisiken der Welt. Für alarmierend halten sie nun, dass mehr als die Hälfte der weltweit 56 Millionen Todesfälle im Jahr 2017 auf nur vier weitgehend vermeidbare Faktoren zurückging: hoher Blutdruck, Rauchen, hohe Blutzuckerwerte und Übergewicht. Alle vier Faktoren gewannen im Vergleich zu 1990 an Bedeutung.
Insgesamt waren 2017 über 73 Prozent der Todesfälle auf nicht übertragbare Krankheiten zurückzuführen. An erster Stelle waren dabei die Herz-Kreislauferkrankungen (17,8 Millionen Opfer), Krebs (9,6 Millionen Tote) und chronische Atemwegserkrankungen (3,9 Millionen Todesopfer). Übergewicht und Fettsucht sind weltweit überall auf dem Vormarsch: Mehr als eine Million Menschen sterben bereits an den Folgen von Typ-2-Diabetes.
Unspezifische Kreuzschmerzen, Kopfschmerzen und Depressionen sind mittlerweile die häufigsten Ursachen von Invalidität. Während das bereits seit drei Jahrzehnten der Fall ist, rückte mittlerweile Diabetes auf den vierten Platz vor. Für 2017 wurde die Zahl der neuen Fälle von chronischen und schmerzhaften Rückenbeschwerden auf knapp 246 Millionen geschätzt. 995 Millionen Menschen entwickelten Probleme wegen Kopfschmerzen, 258 Millionen Personen erkrankten neu an Depressionen.
Entwicklungen nicht nur rosig
Insgesamt bezeichnen die Forscher die globale Gesundheitsentwicklung als beunruhigend. Über viele Jahre habe man sich an Statistiken gewöhnt, wonach die Welt immer gesünder würde. Die aktuelle Studie zeige hingegen, dass sich die Fortschritte verlangsamen und die Entwicklung sehr unausgewogen abläuft.
„Unser Zeitalter ist geprägt von Epidemien wie der Opioidabhängigkeit, Depression und Dengue-Fieber“, schreiben die Forscher. Es bedürfe großer internationaler Anstrengungen, um Gesundheitsrisiken in allen Teilen der Welt zu reduzieren und die medizinische Versorgung zu verbessern.
Die Studie „Global Burden of Disease“ wurde Anfang der Neunzigerjahre von der US-amerikanischen Harvard University, der Weltgesundheitsorganisation und der Weltbank ins Leben gerufen. Mittlerweile sind über 3.500 Wissenschaftler aus mehr als 140 Ländern an dem Projekt beteiligt.
Text: science.ORF.at/APA/dpa