Herr Borchert, Sie haben mit Ihrer eigenen Schülerband als Rocker angefangen. Wie kamen Sie dann zum Musical?
Ich hatte einfach schon immer Spaß an der Musik und habe als Schüler meine ersten eigenen Songs komponiert. Den ersten „richtigen“ öffentlichen Auftritt hatten wir dann nach der Schulzeit im
Kaiserkeller in Hamburg. Dort hatten auch die Beatles ihren ersten Auftritt in Deutschland. Das war für uns ein riesiges Ding. Danach spielten wir in etlichen Clubs und Konzerthallen.
Nach meinem Zivildienst erfuhr ich von der „Stage School of Music, Dance & Drama“. Dort wurde man nach amerikanischem Prinzip in Schauspiel, Gesang und Tanz ausgebildet. Das gab es bisher
nicht. Musical war zunächst gar nicht mein Ziel. Ich wollte Musiker und Schauspieler sein. Aber diese Allround-Ausbildung war sehr spannend für mich.
Damit ich mir das allerdings leisten konnte, habe ich 2- bis 4-mal pro Woche als Barpianist gearbeitet. Als ich noch in der Ausbildung war, hörte ich von „Cats“. Ein befreundeter Musiker, der
dort im Orchester spielte, lud mich zu einer Vorstellung ein – und ich bekam große Lust, den Rum Tum Tugger auch selbst einmal zu spielen. Am nächsten Tag rief ich rotzfrech dort an, und man lud
mich direkt zum Vorsingen und -tanzen am darauffolgenden Tag ein! Zu meiner großen Überraschung wurde ich quasi vom Fleck weg engagiert und inzwischen dauert das, was eigentlich nur ein Ausflug
ins Musical-Genre sein sollte, fast 36 Jahre an!
Zu einer Ihrer bekanntesten Rollen gehört Graf von Krolock, aus „Tanz der Vampire“. Ich habe gelesen, dass das vor einigen Jahren auch in Russland aufgeführt wurde. Haben Sie auf Russisch
gesungen?
Nein. Bis auf zwei Sätze habe ich meinen Part auf Deutsch gesungen. Es gab dazu Übertitel mit der russischen Übersetzung. Aber es ging den Menschen nicht so sehr um den Text, sondern um die
Stimme. Alle anderen Schauspieler und Sänger haben auf Russisch gesungen. Das war eine interessante Erfahrung. Schade, dass das jetzt nicht mehr geht.
Ihre Frau ist ebenfalls eine große Sängerin, aber selten mit Ihnen im selben Arrangement. Wann sehen Sie sich?
Wann immer es geht. Wir haben einen wunderschönen Bauernhof, den wir nach und nach sanieren und ausbauen – ein perfekter Rückzugsort, wo wir uns vom turbulenten „Vagabunden-Dasein“ ausruhen
können, aber auch viel Raum für Kreativität haben, denn es ist uns wichtig, dass wir auch hier unserer Arbeit und unserem Streben nachgehen. Wenn ich komponiere, benötige ich Ruhe, sie muss aber
vielleicht gerade eine Rolle einstudieren und singt, oder lernt mal wieder in kürzester Zeit, ein Instrument zu spielen.
In unserem Zuhause finden wir uns selbst. Wenn ich aus dem Fenster schaue und die Natur sehe, bin ich glücklich. Ich bin dankbar für all das, was ich erlebt habe und was mich ausmacht. Ich habe
mich im Leben treiben lassen und war offen für Neues. Viele Menschen wollen immer mehr und vergessen, dankbar zu sein. Freuen wir uns über das, was wir erreicht haben.
In „Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten“ spielen Sie den Tim. Das ist ein Schauspielmonolog ohne Gesang. Was reizt Sie daran?
Als ich in Wien für das Musical „Mozart!“ geprobt habe, kam ein Kollege zu mir und gab mir ein kleines Buch mit den Worten: „Lies das! Das ist deins.“ Das war der Ozeanspieler. Noch am selben Tag
hatte ich das Buch gelesen und war begeistert. Ich hatte sofort eine Vorstellung davon, wie man das als Stück aufführen konnte. Dann begann ich, den Text zu lernen. Etappenweise. Seite für Seite.
Nach etwa 9 Monaten konnte ich den Text. Die Kosten für die Regie, den Probenraum und das Bühnenbild habe ich selbst übernommen und dann mit den Hamburger Kammerspielen, mit dem Regisseur Martin
M. Blau co-produziert. Mit großem Erfolg. Dann rief mich Dieter Hallervorden an. Ich war völlig überrascht. Er wollte, dass ich das Stück in seinem Schlosspark-Theater in Berlin aufführe. Das war
eine Ehre für mich.
Der Reiz an diesem Stück ist die Tiefe der Handlung. Novecento nimmt das Leben an und geht seinen Weg, wie er ihn für richtig erachtet. Er lässt das Leben auf sich zukommen und ist glücklich
damit.
Haben Sie eine Lieblingsrolle?
Oh, diese Frage kommt oft. Und ich glaube, das ist die schwerste aller Fragen. Der Rum Tum Tugger bleibt als erste Rolle immer etwas Besonderes. In dem Musical „Elisabeth“ bin ich 1992/93 das
erste Mal zu einem Auslandsarrangement zwei Jahre in Wien gewesen, für die Rolle in der „Buddy Holly Story“ habe ich Gitarre spielen gelernt – so einigermaßen. Es gab viele tolle Rollen.
Doch die Freundschaft zu dem Broadway-Komponisten Frank Wildhorn, den ich damals in Wien kennengelernt habe, erwies sich für mich als die größte Ehre, die einem Künstler zukommen kann. Er meinte,
er wolle ein Stück für mich schreiben. Das tat er wirklich. 2009 spielte ich die Titelrolle in dem Musical „Der Graf von Monte Christo“ am Theater St. Gallen, den Part des Edmond Dantès, den
Frank eigens für mich geschrieben hat. Leider habe ich lange Zeit durch andere Verträge keine Zeit gehabt, diese Rolle auch anderswo zu spielen. Aber in Lüneburg, da war es mir noch einmal
vergönnt, „meinen“ Edmond Dantès zu spielen. Das verdanke ich Friedrich von Mansberg, der mir ein wirklich guter Freund geworden ist.
Was dürfen wir in der nächsten Zeit von Ihnen erwarten?
Ich nehme seit einiger Zeit schon keine langen Engagements mehr an, sodass ich viele verschiedene Sachen ausprobieren und umsetzen kann. Mit meiner Frau gehe ich auf Konzerttournee mit unseren
Shows „Mr & Mrs Musical“ und „Let The Sky Fall – The BOND Concert Show“, und nach „SCHOLL – Die Knospe der Weißen Rose“ habe ich schon angefangen, die Musik für mein nächstes Musical zu
komponieren. Der Titel ist aber noch top secret!
In Lüneburg habe ich die Schirmherrschaft für die Akademie Junges Musiktheater übernommen. Diese Aufgabe reizt mich sehr. Ich liebe es, frei zu arbeiten und Neues zu machen. Das Leben darf mich
gern überraschen. Ich nehme die Dinge, wie sie kommen. Nach diesem Motto lebe ich. Und das vereinfacht vieles.
Das ist ein hervorragendes Schlusswort. Ich danke Ihnen für das wunderbare Gespräch und freue mich, Sie bald wieder auf der Bühne in Lüneburg zu sehen.
Vielen Dank!
Text: Sabine Butenhoff